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Umgang mit Konflikten - Teil 1

31.07.2005

Es ist schwer, eine eindeutige Definition für den Begriff „Konflikt“ zu finden. Wichtig ist aber in jedem Fall zu erkennen, dass nicht jeder Konflikt zu einer Eskalation führt. Konflikte können im Ernstfall eskalieren, aber auch durch Konfliktlösungsstrategien verhindert werden.


Konflikte sind integraler Bestandteil
jeglichen Zusammenlebens. 

 Konflikt, im Lateinischen „confligere“, bedeutet soviel wie aneinander geraten und/oder kämpfen. Das Entstehen eines Konfliktes ist meist die Folge von wahrgenommenen Differenzen, die gegenseitig im Widerspruch stehen und eine Lösung erfordern. Damit ein Konflikt entstehen kann, stehen sich mindestens zwei verschiedene Ansichten oder Interessen unvereinbar gegenüber.

Dies ist möglich:

- innerhalb und zwischen Personen Seelische, Beziehungs-, Weltanschauungs-, Kultur-, Interessen-Konflikte
- innerhalb und zwischen Gruppen, Unternehmen, Organisationen Beziehungs-, Weltanschauungs-, Kultur-, Interessen-Konflikte
- innerhalb und zwischen Gesellschaften und Staaten Weltanschauungs-, Kultur-, Interessen-Konflikte
- zwischen einzelnen Personen und diesen Zusammenschlüssen.

Konflikte können innerhalb einer Person (intrapersonal), zwischen zwei Personen (interpersonal) und zwischen Gruppen von Personen (intergruppal) stattfinden.

Das Entstehen eines Konfliktes hat unterschiedliche Auslöser. Wir unterscheiden:

Interessenkonflikte
Interessenkonflikte können als Konflikte um materielle Ressourcen verstanden werden. Mittel, wie z.b. Nahrungsmittel, Bodenschätze, Spielzeug, Raum, Geld, aber auch Macht oder Ansehen, werden oft als begrenzt angesehen und sind nicht nur Auslöser für Konflikte zwischen Kindern oder zwischen Erwachsenen, sondern auch zwischen Volksgruppen und Nationen.

Bedürfniskonflikte
Bedürfniskonflikte beziehen sich eher oder vorwiegend auf immaterielle Wünsche, wie z.B. das Bedürfnis nach Ruhe, nach Gemeinsamkeit oder nach Gesprächsmöglichkeiten.

Wertkonflikte
Wertkonflikte beziehen sich zwar auch auf immaterielle Wünsche und Zielvorstellungen, haben aber nicht individuelle Bedürfnisse, sondern kollektive Normen, Maßstäbe sowie Bewertungen konkurrierender gesellschaftlicher Aufgaben und Ziele zum Gegenstand.

Identitätskonflikte
Identitätskonflikte können auf der kollektiven Ebene gewissermaßen als Steigerung von Wertkonflikten verstanden werden: Hier geht es nicht nur um einzelne gegensätzliche Wertvorstellungen, sondern um die Gesamtheit der Wertvorstellungen und des damit verbundenen Selbstbildes von Personen oder Gruppen, die von anderen Personen oder Gruppen infrage gestellt oder deren Geltung und Realisierbarkeit streitig gemacht werden.

Ideologische, Weltanschauungs- und Glaubenskonflikte Diese Konflikte können als spezielle Form von Identitätskonflikten verstanden werden. Sie dienen der Funktionalisierung der Glaubens- oder Weltanschauungsunterschiede durch Machteliten für Herrschaftszwecke oder/und zur Aufrechterhaltung sozialer Privilegien.

Wertschätzungs- bzw. Bewertungskonflikte
Wertschätzungs- bzw. Bewertungskonflikte bedeuten, dass einzelnen Personen, Teams oder Gruppen fachliche und/oder soziale Kompetenz abgesprochen wird, die zur Erreichung vorgegebener oder gemeinsam definierter Ziele notwendig war. Oder erbrachte Leistungen werden von Vorgesetzten oder Kollegen nicht wertgeschätzt.

Unterschiedliche Wahrnehmungen oder Meinungen
Unterschiedliche Wahrnehmungen oder Meinungen darüber, was vorhanden oder geschehen ist, führen häufig zu Alltagskonflikten, weil sich Menschen oft nicht bewusst machen, dass ihre Wahrnehmungen subjektiv und verzerrt sein können.

Konflikteskalation nach Friedrich Glasl

Der aus Österreich stammende Universitätsdozent Dr. Friedrich Glasl, ausgebildeter Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, ist selbst Konfliktberater und verfügt über langjährige Erfahrungen als Organisationsberater und Konfliktmanagementtrainer in den Niederlanden, Deutschland, Österreich und anderen Ländern.

Konflikte sind integraler Bestandteil jeglichen Zusammenlebens. Da Konflikte häufig als Kampfsituationen wahrgenommen werden, entfaltet sich leicht eine innere Konfliktdynamik, die eine friedliche, konstruktive und gewaltfreie Regelung nicht mehr möglich macht. Dabei ist die Einstellung, dass der eigene Gewinn nur durch den Verlust des Gegners zu erzielen sei (so genanntes Nullsummenspiel) weit verbreitet. Untersuchungen über das Verhalten von Menschen in Konfliktsituationen haben gezeigt, dass eine Mehrheit der Versuchspersonen dazu neigt, den eigenen Vorteil durch immer intensiveren Einsatz oder striktes Beharren auf der eigenen Position wahrzunehmen und dies selbst dort, wo sich Misserfolge abzuzeichnen beginnen. Dieses Verhaltensmuster wird begleitet durch eine fortschreitende Einschränkung der Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit.

„Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Denk- und Vorstellungsleben so sehr“, schreibt der Konfliktforscher Friedrich Glasl, „dass wir im Laufe der Ereignisse die Dinge in uns und um uns herum nicht mehr richtig sehen. Es ist so, als würde sich unser Auge immer mehr trüben; unsere Sicht auf uns und die gegnerischen Menschen im Konflikt, auf die Probleme und Geschehnisse wird geschmälert, verzerrt und völlig einseitig. Unser Denk- und Vorstellungsleben folgt Zwängen, deren wir uns nicht hinreichend bewusst sind.“

Friedrich Glasl hat vor dem Hintergrund langjähriger wissenschaftlicher und pädagogisch-praktischer Erfahrungen neun „idealtypische“ Stufen der Konflikteskalation herausgearbeitet. Sie sind hilfreich, um Konflikte besser verstehen und analysieren zu können sowie um Auswege aus der Konfliktdynamik zu entwickeln.

1. Ebene (Win-Win) (In der ersten Ebene können beide Konfliktparteien noch gewinnen)

Stufe 1: Spannung
Konflikte beginnen mit Spannungen, z.B. gelegentliches Aufeinanderprallen von Meinungen. Es ist alltäglich und wird nicht als Beginn eines Konflikts wahrgenommen. Wenn daraus doch ein Konflikt entsteht, werden die Meinungen fundamentaler. Der Konflikt könnte tiefere Ursachen haben.

Stufe 2: Debatte
Ab hier überlegen sich die Konfliktpartner Strategien, um den Anderen von seinen Argumenten zu überzeugen.
Meinungsverschiedenheiten führen zu einem Streit. Man will den Anderen unter Druck setzen.

Stufe 3: Taten statt Worte
Die Konfliktpartner erhöhen den Druck auf den Anderen, um sich oder seine Meinung durchzusetzen. Gespräche werden z.B. abgebrochen. Es findet keine Kommunikation mehr statt und der Konflikt verschärft sich schneller.

2. Ebene (Win-Lose) (In der zweiten Ebene verliert eine Partei, während die andere gewinnt)

Stufe 4: Koalitionen
Der Konflikt verschärft sich dadurch, dass man Sympathisanten für seine Sache sucht. Da man sich im Recht glaubt, kann man den Gegner denunzieren. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern darum, den Konflikt zu gewinnen, damit der Gegner verliert.

Stufe 5: Gesichtsverlust
Der Gegner soll in seiner Identität vernichtet werden durch alle möglichen Unterstellungen oder ähnlichem. Hier ist der Vertrauensverlust vollständig. Gesichtsverlust bedeutet in diesem Sinne Verlust der moralischen Glaubwürdigkeit.

Stufe 6: Drohstrategien
Mit Drohungen versuchen die Konfliktparteien, die Situation absolut zu kontrollieren. Sie soll die eigene Macht veranschaulichen. Man droht z.B. mit einer Forderung (die Wertsachen herzugeben), die durch eine Sanktion („Sonst steche ich Dich ab!“) verschärft und durch das Sanktionspotential (Messer zeigen) untermauert wird. Hier entscheiden die Proportionen über die Glaubwürdigkeit der Drohung.

3. Ebene (Lose-Lose) (In der dritten Ebene verlieren beide Parteien)

Stufe 7: Begrenzte Vernichtung
Hier soll dem Gegner mit allen Tricks empfindlich geschadet werden. Der Gegner wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen. Ab hier wird ein begrenzter eigener Schaden schon als Gewinn angesehen, sollte der des Gegners größer sein.

Stufe 8: Zersplitterung
Der Gegner soll mit Vernichtungsaktionen zerstört werden.

Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund
Ab hier kalkuliert man die eigene Vernichtung mit ein, um den Gegner zu besiegen.

Konflikte können konstruktiv oder destruktiv verlaufen

1. Das Adjektiv konstruktiv steht für aufbauend und unterstützend, wird aber auch im Sinne von ordnend und förderlich verwendet. Der Begriff Konstruktion (von lat.: con = zusammen, struere = bauen) bezeichnet allgemein einen Aufbau, auch eine Berechnung oder Erfindung.

2. Destruktivität (von niederreißen oder zerstören) beschreibt die zerstörerische Eigenschaft von Dingen bzw. zerstörerische Geisteshaltung oder Verhalten von Menschen und ist das Gegenteil von Konstruktivität. Man spricht auch von destruktiv sein. Die Bezeichnung „destruktiv“ wird dabei ähnlich oder als Steigerung von „negativ“ benutzt.

Destruktive Konflikte haben die Tendenz sich auszubreiten. Der ursprüngliche Konfliktanlass kann seine Bedeutung verloren haben oder in Vergessenheit geraten sein, so kann zum Beispiel das Konfliktverhalten des Gegenübers ein neuer Konfliktanlass sein. Destruktive Konflikte können unter anderem, Sachschäden und Körperverletzungen zur Folge haben. Weiterhin z.B. Gefühle verletzen und sie vermindern die Fähigkeit der Konfliktparteien, zukünftige Konflikte zu lösen.

Im Gegensatz dazu stehen konstruktive Konflikte. Sie berücksichtigen die Interessen aller Konfliktparteien, stärken die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien und verbessern die zukünftige Lösung eventueller Konflikte.

Das Problem der Konflikteskalation liegt darin, dass mit jeder Eskalationsstufe ganze Kategorien von Handlungsmöglichkeiten aufgegeben werden und das eigene Verhalten sowie das des Gegners immer weiter eingeengt werden.
Konflikteskalation ist gefährlich, weil ...

- Konflikte außer Kontrolle geraten können;
- immer weniger Handlungsalternativen zur Verfügung stehen;
- Gewalt als Handlungsmöglichkeit zunehmend einbezogen und angewandt wird;
- nicht mehr gemeinsame Lösungen, sondern Sieg oder Niederlage des Gegners im Vordergrund stehen;
- eine Personifizierung des Konfliktes stattfindet;
- Emotionen die Überhand gewinnen;
- Zerstörung und Vernichtung zum eigentlichen Handlungsziel werden.

Es geht also darum, einer Konflikteskalation Stufen der Deeskalation gegenüberzustellen. Antworten und Handlungsmöglichkeiten auf jeder Stufe zu finden, die Gewalt begrenzen oder ganz ausschließen sowie auf Kooperation und Verhandlungslösungen abzielen.
(Quellnachweis: www.friedenspaedagogik.de)

Text: Anja Wolf